Gedicht:
„Die Stunde des Pan“, FatZebra
Video, Schnitt, Ton und Sprache: FatZebra.org

Manchmal denke ich, ich habe dich nur geträumt.
Es gab dich nicht.
Ich habe dich nur so lange herbeigewünscht, bis du
plötzlich am Wegrand saßest, in der Mittagshitze.
Für mich am Wegrand saßest.
Für mich die Flöte spieltest.
Für mich deine Zärtlichkeiten bereithieltest.
Du seist eine Fata Morgana, werden sie sagen, wenn
ich von dir erzähle.
Du passest nicht in unsere Zeit, werden sie denken,
wenn ich von deiner Sprachlosigkeit berichte.
Du seist skrupellos, werden sie finden, weil du nicht
nach dem Danach fragtest.
Aber was wissen sie schon von dir?
Daß du der Sohn des Hermes und einer Nymphe seist,
halb Mensch, halb Ziegenbock. Daß du ein Gott seist.
Der Gott der Hirten und Jäger. Ein Waldgott. Ein Weidegott.
Daß du im Gefolge des Dionysos die Satyrn und Silenen
anführst.
Daß du in der Mittagshitze auftrittst.
Daß du Schrecken verbreitest.
In dieser Schublade fangen sie dich ein.
Du bist faßbar für sie, wenn sie dir Begriffe zuordnen
können.
Sie wollen sich ein Bild machen von dir.
Sie wollen etwas in den Händen haben.
Wenn sie Namen haben, glauben sie, sie haben dich.
Aber hat dich je jemand gesehen –
sie haben dich weitergereicht, über Jahrhunderte hinweg.
Sie haben von dir geträumt, erzählt, berichtet, dich gemalt.
Nur gesehen hat dich niemand.
Was wissen sie schon von dir und deinen Zärtlichkeiten,
die sie an ihrer Alltagsliebe messen –
wer kennt schon den Geruch deiner Haut,
die den Schweiß nicht kennt –
wer die zärtliche Sprache deiner Fingerspitzen –
wer tastete je die Prallheit deiner Lippen –
wer hörte die Laute aus deiner Kehle –
stand je in einem Lexikon,
wie deine Haut in der Sonnengrelle glüht –
Sei denken in Kategorien, die du nicht kennst.
Du liebst nicht mit dem Kopf.
Du fragst nicht.
Du sprichst nicht.
Du arbeitest mit besseren Requisiten
als dem Stümperwerk, das sie Sprache nennen.
Du baust die Sonne mit ein in deine Stunde.
Du läßt ihre Kringel tanzen
zwischen den Haaren deiner Brust.
Das Schnarren der Zikaden
setzt du mit geschickter Hand an die richtige Stelle.
Das Flimmern der Luft fügst du hinzu
und den Duft des Jasmins,
und das Schlafen der Vögel.
Du legtest die Hitze wie eine Decke auf uns.
Sie spielte weiter, deine Flöte, während wir uns liebten –
in meinen Ohren spielte sie weiter,
ihren monotonen Gesang –
Ein Gesang, der nur aus fünf Tönen bestand.
Oder waren es sechs –
oder sieben –
oder ist es unwichtig, die Zahl der Töne zu wissen –
Sie war nicht kunstvoll, deine Melodie, nur saugend,
in der Mittagshitze, dort droben am blühenden Wegrand –
zu unsichtbaren Fäden gesponnen,
wehte sie mir entgegen,
du brauchtest sie nur einzuspulen,
ich hielt mich an ihr.
Eine Stunde nur war es,
dort droben am Wegrand,
aber was ist schon ein Leben
gemessen
an einer Stunde
mit dir –
Ich werde die Töne der Flöte vergessen –
vielleicht schon bald,
wenn der Jasmin nicht mehr blüht,
die Zikaden schlafen und
die Luft nicht mehr flimmert.
Ich werde vergessen
war es d-e-d-e-f-e-d
oder f-g-f-d-e-f
vielleicht auch,
daß irdische Noten
die Fäden nicht spannen.
Nicht werde ich die Melodie vergessen,
auch wenn ich die Töne
längst nicht mehr weiß.
Wenn Jahre vergangen sind,
wird sie noch sein,
tief in mir drinnen.

FatZebra

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